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Arabisch

Typographie ist Kalligraphie

Eine Berufskrankheit des Designers ist es alles auf seine Gestaltung hin unter die Lupe zu nehmen. Beinahe unbewusst, fast unterbewusst, werden Plakate beim Vorbeifahren im Kopf umgebaut, Logos bewertet, Photomotive in der Umgebung gesucht. Da ist Kairo ein gefundenes Fressen. Überall findet man riesige hinterleuchtete Plakatwände und andere Leuchtreklamen. Doch das wirklich zauberhafte daran ist die Typographie.

Von rechts nach links und andersrum

Während wir für unsere Kunden in Deutschland teilweise Deutsch-Englische Layouts machen müssen, haben die arabischen Kollegen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Englisch und Arabisch wollen ihren Platz in der Gestaltung finden, das eine von links nach rechts, das andere von rechts nach links. Westliche Firmennamen und Logos müssen für den arabischen Leser aufarbeitet werden. So wird zum Beispiel aus Vodafon in der arabischen Version Wudafun, da man ein O als Vokal überhaupt nicht kennt. Insgesamt sind gerade Mobilfunkanbieter in Kairo sehr präsent (und günstig ;)). Orangene Schilder von Mobinil findet man an beinahe jedem Verkehrsschild. Auf der Rückseite findet man übrigens das lateinische Logo. 

Direkter Vergleich

Doch nicht nur phonetisch gibt es Anpassungen viele Logos werden auf phantastische Art und Weise in die arabische Schrift übersetzt. Da traf es sich, dass ich in der letzten Woche über einen Artikel in meinem RSS-Feed gestolpert bin, der genau dieses Thema behandelt. Das Ministry of Type hat einen Artikel über Arabic Retail indem sie unter anderem zu Graphicology verlinken, die sich mit der Verwandlung von Logos und dem Package Design beschäftigen. Eigentlich immer findet man beide Versionen auf ein und derselben Verpackung — vor- und rückseitig oder wie es eben passt. Auch an den Shops sind immer beide Logos zu finden — ein friedliches Nebeneinander — und was soll ich sagen: die arabischen Versionen gefallen vielfach besser.

Verbogen?

Ob es an der Fremdartigkeit der Schriftzüge liegt? Vielleicht zu einem kleinen Teil, doch das wirklich wunderbare ist die kalligraphische Anmutung, die jedem arabischen Text innewohnt. Das unumgängliche Zusammengreifen der Buchstaben und die daraus resultierenden Ligaturen sowie der künstlerische Aspekt, den unsere in sich geschlossenen Buchstaben sogar in der Handschrift nur bedingt bieten können, sind ungemein spannend. Diese eigentlich zur Kalligraphie prädestinierte Schrift (ein geübter Schreiber kann einen Text in Sprechgeschwindigkeit zu Papier bringen, ähnlich unserem Steno) in das Korsett gradliniger, schnörkelloser  Groteskanmutung zu pressen — quasi zu »verwestlichen« — eine wunderbare Metapher für einen Prozess, der dort eben nicht nur auf den Schildern sondern auch in den Kaufhäusern stattfindet. Besonders beachtenswert finde ich, wie die arabische Gestaltung in den Logos oftmals versucht die Formensprache der lateinischen Buchstaben zu kopieren. Umgekehrt wäre dies wohl kaum möglich. Diese Biegsamkeit ist eine der Stärken der arabischen Kalligraphie. 

Komplexität

Einen kleinen Eindruck davon wie schwer es ist die arabischen Lettern drucken zu können, bekommt man auf der Seite des Schriftdesigners und Typografen Pascal Zoghbi, die ich über Slanted gefunden habe. Eigentlich hat das Arabische kaum mehr Zeichen als die lateinische Schrift. Die Komplexität entsteht durch Ligaturen und Vokalisierung. Sebastian, der ein wenig Arabisch kann, hatte es stellenweise echt schwer komplexere Schriftzüge zu entziffern, da sich die Buchstaben so kalligraphisch verknäulen, dass es dem ungeübten Leser kaum möglich ist sie zu identifizieren. Aber es sieht toll aus! Auch an Hauswänden. Das Gebäude der Faisal Islamic Bank of Egypt (im Photo zu sehen) zieren weiße Linien, die für den ungeübten Betrachter wie mosaikartige Verzierungen aussehen. Es handelt sich um Schrift. Was zu lesen ist weiß ich allerdings nicht. Witzig ist es dann wiederum so fasziniert zu sein, dass einem deutschsprachige Werbung auf den ersten Blick gar nicht mehr auffällt: Teka verkauft uns mitten in Kairo »Küchentechnik«.

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Christopher Reinbothe

Dipl. Kommunikationsdesigner
@phneutral
DE, NRW, Wuppertal

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Jedes Ende ist auch ein Anfang sagt man und es gibt nichts, das man ewig haben kann.