Sie wünschen?

Posts by: Chris

phneutral.net

Seit dem 26. Dezember bin ich dank Regfish stolzer Besitzer von www.phneutral.net! Ich hatte die Domain schon ziemlich lange im Auge. Ein niederländisches Happy-Hardcore-Duo hatte dort bis 2004 seine Tour- und Kontaktdaten hinterlegt. Im Oktober 2009 schrieb ich die Besitzer zum ersten Mal an. Leider ohne Erfolg. Ein Dämon meldete zurück, dass die Mails ihr Ziel wohl niemals erreichen würden. Also versuchte ich es auf anderem Wege: Über den technischen Registrar: damals spiderspider.nl — aber auch dort hatte man kein Interesse an einer Übernahme meinerseits. Dann lief die Domain einige Monate als Werbeseite für einen niederländischen Autohändler &mdash warum auch immer. Nach ein wenig Gekugel im Internetz hatte ich meine Chancen die Domain irgendwann zu übernehmen ausgelotet. Anders als .de-Domains haben .com und .net ein internes Verfallsdatum zwischen ein und zehn Jahren. Danach muss der Besitzer die Domain erneuern (Renewal) oder sie kommt nach einer Rückkaufphase (Redemption) wieder in den freien Verkauf. Deshalb registrierte ich mich kurzerhand kostenlos bei besagtem Fisch und packte phneutral.net auf meine Beobachtungsliste. Am 19. November 2011 bekam ich dann digitale Post und wusste im ersten Moment gar nicht mehr warum. Der Status hatte sich geändert: phneutral.net war ausgelaufen, drauf und dran in die Redemption Grace Periode einzutreten. Ich gab also den Backorderauftrag an die Fische. Der ganze Prozess dauerte dann bis zu besagtem 26.12. — ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung ob es klappen würde. Jetzt freue ich mich umso mehr!

Rückfällig

»Wie absurd wäre es, nachdem man einmal durch die Zukunft der gesamten Menschheit und wieder zurück gereist ist, bei seiner verlorenen Liebe im strömenden Regen vor der Tür zu stehen?«

»Und doch bist Du hier.«

»Ja.«

»Dann komm erstmal rein. Ich mach uns ‘nen Kaffee.«

Nachweihnacht

Es ist schön sich mal abzukoppeln. Besinnlich werden ohne besinnlich sein zu müssen. Einfach ankommen in Geborgenheit. Ich habe Stress nie gemocht und ich habe ihn nur selten an mich herankommen lassen. Die letzten Wochen haben mir eindrucksvoll gezeigt warum: Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Lasst mich in Ruhe mit eurer Hast. Lasst mich in Ruhe mit eurem Scheiß. Die Welt wird nicht ruhiger, wenn ihr so schreit. Die Welt dreht sich nicht schneller, nur weil ihr so rennt. Locker angehen lassen. So wie Karl. Ich musste neu lernen »Nein.« zu sagen. Ich musste lernen, dass ein Tag nur vierundzwanzig Stunden hat und ein paar davon bereits vom Betriebssystem belegt werden. Musste lernen wie wichtig mir ist mit meinen Gedanken zu spielen. Wie wenig ich nur funktionieren kann (will?) im Takt von Geld und Macht. Nur funktionieren. An die Wand gepisst. Bin ich ein braver Soldat? Sicher kein toter Fisch. Ich freu mich auf die 12. Lass kommen!

Utopia

Ein Archivar

Archivar ungezählter Gedanken. Die der Anwesenden an ihn werden gleich verblichen sein. * So wie seine Gestalt im Nebel auf dem Bahnsteig. Was tat er überhaupt hier? Er muss nicht im kalten Neonlicht auf Schienen reisen. Befremdlich. Die Abscheu steht ihm ins hagere Gesicht. Geschriebene Erinnerungen züchten sie im Auftrag des Archivs. Doch es ist zu spät oder früh, je nachdem von welcher Seite man kommt: Auf dem Weg vom Nachtleben in das heimische Delirium oder noch schlafend auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Wie auch immer: die Anwesenden sind träge und er sollte nicht Teil ihrer Denkmuster sein. Nur ein stiller Beobachter, der in den Aufzeichnungen nicht auftaucht. Ein ungesehener Gast. Mit einer nervösen Handbewegung dreht er den Kopf zur Seite und streicht das fettige Haar glatt. Graublond — natürlich. Er muss hier verschwinden. Langsam ohne großes Gebaren. Möglichst unauffällig erhebt er sich von seinem Sitz, während der Wagon zum Stehen kommt. Der Drückknopf leuchtet erst grün, wenn der Zugführer die Türen frei gegeben hat. Einen unendlichen Moment muss er dort warten. Ein zur Salzsäule erstarrter kakifarbener Anzug. Darüber geworfen ein erst auf den zweiten Blick zu großer Mantel in abgetragenem grün. Es sieht aus wie ein kleines Zelt oder ein Leichentuch. Unbeweglich. Die gesammelten Gedanken an sich gepresst in einer abgewetzten, braunen Ledertasche. Für A4. Passgenau. Angestrengt bohrt sich sein starrer Blick durch die Scheibe in das Trüb. Ein Adler von Mann? Eher ein Geier.

Der Zug steht. Er kann nicht anders. Sieht sich doch noch einmal verstohlen um. Seine weit aufgerissenen Augen und Ohren durchleuchten alle Anwesenden. Gestaltgewordene Sensorstation. Hektisch presst er den Daumen auf den Impulsgeber. Die Automatik schwenkt die Tore auf und den Weg frei. Er entschwindet. Ein Schatten in der Nacht. Archivar ungezählter Gedanken. Die der Anwesenden an ihn werden gleich verblichen sein. *

Digitalnomadismus

Seit ich Neunzehnhundertirgendwasneunzig zum ersten Mal zusammen mit Dennis zur Cebit gepilgert bin, um »das Internet« zu sehen, könnte ich mich eigentlich als Digitalnomaden bezeichnen. Natürlich kannten wir diesen Begriff nicht, obwohl Vilém Flusser ihn viele Jahre zuvor bereits angedacht hatte, wahrscheinlich ohne seinerseits zu ahnen welche Ausmaße dies annehmen würde: So zogen Nico, die anderen und ich auch in diesem Jahr in den USA wie eine Karawane von Wlan zu Wlan — den virtuellen Wasserlöchern.

Wichtig ist Flusser dabei auch die Rationalisierung, also die Teilung (Ration) — Mitteilung, Aufteilung, Verteilung — von Informationen, in kleinste Einheiten — Rohdaten, bar jeder Sub- oder Objektivität — die nun wieder sinnstiftend zusammengesetzt — komponiert, komputiert — werden müssen. Das ist für ihn der Sand der digitalen Wüste durch den die Vagabunden ziehen. Für Flusser spielte sich der digitale Nomadismus vor allen Dingen zwischen Privatem und Öffentlichem ab. Mediale Vernetzung macht es möglich eigentlich öffentliche Ereignisse in die Privatheit zu überführen — ich schaue den Film zu Hause, nicht im Kino — so dass das Öffentliche mehr und mehr obsolet wird. Interessant finde ich dabei die Aussage, dass diese Entwicklung auch zum Beispiel Politik überflüssig macht. Gleichzeitig bleibt der Nutzer nicht nur Empfänger, sondern wird zum Sender, sobald die Verbindung reversibel oder bidirektional wird. Aus einem gebündelten oder faschistischen (lat. fascis = Bündel) System (Volksempfänger) wird ein Netzwerk. Der Digitalnomade muss seine vier Wände nicht verlassen um »überall« zu sein.

Diese Ausführungen rühren alle noch aus einer Zeit in der komputierende Netze vor allen Dingen an Leitungen, Terminals und Röhrenmonitore gebunden waren. Warum sollte man rausgehen, wenn man die komplette Welt zu Hause hat, aber unterwegs auf einen winzigen Ausschnitt (die Realität, das Jetzt?) beschränkt ist? Flusser fehlt in seinen Ausführungen die Mobilität der immerwährenden, reversiblen Verbindung — er hatte ja keine Ahnung: Durch Flatrates, Wlan-Hotspots, Laptops und Smartphones ist der digitale Nomade zum Wanderer in zwei Welten geworden. Das Private ersetzt die Öffentlichkeit nicht länger, sondern löst sich entweder in ihr auf und endet so in der sogenannten Postprivacy oder unterwandert die Öffentlichkeit in Form von kleinsten Privatsphäreblasen, die böse gesagt aus Desinteresse, Ignoranz und Abschottung bestehen. Sie äußern sich in Nachbarn, die man nicht kennt oder kennenlernen möchte, Kopfhörern und Musik, die einen akustischen Schutzwall bilden und dem Wegsehen auf der Straße. Soweit die Distopien, soweit die Extreme.

Doch viel interessanter, auch aktueller und heiß diskutiert ist die Durchmischung dieser beiden Ideen. Während mein reales Ich seine Privatsphäre auf der Straße ganz offensiv vor sich her trägt, kann mein digitales Ich sich vollkommen entkleiden — oder umgekehrt. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Persönlichkeiten ist für viele Realisten zu groß. Um es mit Flusser zu sagen: Ein Individuum ist genau wie ein Atom per Definition eine unteilbare Einheit, dennoch ist es der Wissenschaft gelungen Atome zu spalten — sie in noch kleinere Einheiten zu teilen, bar jeder Sub- und Objektivität. Wieso sollte es einem Menschen also nicht gestattet sein seine Individualität auf verschiedene Weisen pseudonym auszuleben, die im Folgenden von der Gesamtheit der Gesellschaft sinnstiftend komputiert werden müssen?

Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!

Darf ich Ihnen meine Begleiterin vorstellen? Höhen- und Flugangst, Arachno- und Klaustrophobie — sie hat so viele Namen! Ihr Anblick jagt mir Schauer über den Rücken. Vor allen Dingen weil sie so wandlungsfähig ist. Sie ist immer da, wenn ich sie am Wenigsten erwarte. Ganz plötzlich habe ich Angst vor der Zukunft und Angst sie nicht zu erleben. Krieg, Not und Hunger. Ich habe Angst davor keinen Job zu bekommen, zu haben oder zu verlieren. Ich fürchte mich davor kein Geld zu haben, auf der Straße zu landen, meinen Stand und Status zu verlieren. Mit jeder Stufe, die ich erklimme, steigt auch sie und mit ihr die Furcht davor etwas falsch zu machen, zu stürzen, sich zu überschlagen und zu fallen. Deshalb plagen mich diese Alpträume in denen ich verschlafe, versage oder versauere. Eigentlich wollte ich die Welt sehen und sie verändern! Aber wie, bei all dem Ausland und dem ganzen Neuen? Wie, wenn einen die schlechten Neuigkeiten und der Ausländer in den Wahnsinn treiben? Wenn er — also der Ausländer — mir den Job streitig macht, solche komischen Sitten hat, sich ständig verdächtig verhält und diese Sachen isst.

Sowieso: Essen! Fürchterlich: es gammelt das Fleisch, es gent das Gemüse. Maul und Klauen sind verseucht. Schwein und Vogel haben die Grippe, die Rinder werden wahnsinnig, die Meere leergefischt und wenn ich Tuna auf die Pizza will sterben die Delphine! Alles kontaminiert und pestizidiert. Sogar das Schwarze an der Bratwurst ist voller Krebs. Vor allen Dingen der Krebs! Er lauert überall: in der Brust, in der Lunge, im Hoden und sogar im Meer. Ich habe Angst davor ins Wasser zu gehen. Wer will schon von Haien gefressen oder von Riesenkraken in die Tiefe gezogen werden? Wer will sich in Schlingpflanzen verheddern, auf giftige Seeigel treten, von Wellen verschluckt oder von der Strömung abgetrieben werden?

Sowieso: Abtreiben! Ich hätte so gern eine Familie, aber eigentlich doch auch Karriere im Beruf. Ich hätte so gern Kinder, aber in »Eltern« steckt ja schon »versagen«. Entweder kommen meine lieben Kleinen später nicht zurecht oder tanzen mir auf der Nase herum. Ich fürchte mich vor diesem Terror! Habe Angst von dem Molukken in die Luft gesprengt oder erdrosselt oder ausgeraubt oder wenigstens zusammengeschlagen zu werden. Und wenn der es nicht macht, dann bestimmt der kommunistische Neonazihooligan, der mich für den Molukken hält.

Sowieso: Verwechseln! Ich fürchte mich davor die falsche Partnerin zu finden oder überhaupt keine abzubekommen. Ich habe Angst davor schlecht zu riechen und verschanze mich hinter dem olfaktorischen Schutzschirm aus Shampoo, Deo, Parfum, Creme, Zahnpasta, Kaugummi und Pfefferminz. Immer mehr, damit keiner meinen beißenden, kalten Angstschweiß bemerkt. Ich kann mich inzwischen gar nicht mehr selber riechen — wäre doch auch schlimm, wenn mir die Natur kommt.

Sowieso: Natur! Wie die kommt! Erdbeben und Tsunamis — ja, wenn das alles wäre! Typhoone, Hurrikane und Orkane. Mir ist kalt! Blitzeis, Dauerfrost, Hagelkörner groß wie Straußeneier! Mit jedem Unwetter steigt meine Besorgnis um das Klima. Es verändert sich. Nein, wir verändern es und erkennen es dann nicht wieder. Mir ist heiß! Die Polkappen schmelzen. Das Ozonloch wird größer. Wenn wir Pech haben stürzt ein riesiger Komet auf den Planeten und sorgt für eine neue Eiszeit, falls wir nicht vorher von Außerirdischen entführt und versklavt werden. So male ich mir jeden Tag eine neue Grausamkeit aus, die mich rund um die Uhr begleitet. Vampire und Agenten, Zombies und Apokalypse! Wahlweise und in Kombination. Vampiragenten und Zombieapokalypse — stellen Sie sich das mal vor! Wenn ich dann soweit bin, kommt es vor, dass ich Angst davor krieg, dass uns etwas geschieht, dass man den verliert, den man liebt, dass es das wirklich gibt. Mitten in der Nacht werd ich wach und bin Schweiß gebadet, dreh mich um und seh wie die Angst neben mir ganz friedlich atmet. Ich rüttle sie wach. Sie erschrickt, aber ich kann sie beruhigen, denn eins ist mir inzwischen klar:

»Ich liebe doch nur Dich, Rosmarie!«

Christopher Reinbothe

Dipl. Kommunikationsdesigner
@phneutral
DE, NRW, Wuppertal

THE END

Jedes Ende ist auch ein Anfang sagt man und es gibt nichts, das man ewig haben kann.